Stille Reserven: Bildung, Auflösung und Offenlegung nach Art. 959c OR
Stand: · fastview ag, Suhr
Fachlich verantwortlich: Marco Zanetti und Reto Ackermann, Treuhänder und Wirtschaftsprüfer, fastview ag
Stille Reserven sind die Differenz zwischen dem Wert, zu dem ein Aktivum oder eine Rückstellung in der Bilanz steht, und dem höheren beziehungsweise tieferen tatsächlichen Wert. Das OR erlaubt sie in engen Grenzen und verlangt im Anhang nur eine Angabe: den Nettobetrag, um den sie aufgelöst wurden, wenn das Ergebnis dadurch wesentlich günstiger erscheint. Diese Seite erklärt Arten, Bildung und Auflösung, rechnet ein Beispiel durch und zeigt den Bewegungsspiegel.
Was stille Reserven sind
Stille Reserven entstehen auf zwei Wegen: Aktiven stehen tiefer in der Bilanz, als sie wert sind, oder Verbindlichkeiten und Rückstellungen stehen höher, als sie sein müssten. In beiden Fällen ist das ausgewiesene Eigenkapital kleiner als das tatsächliche. «Still» heissen sie, weil sie aus der Jahresrechnung nicht ersichtlich sind.
Das OR lässt sie ausdrücklich zu. Zu Wiederbeschaffungszwecken und zur Sicherung des dauernden Gedeihens des Unternehmens dürfen zusätzliche Abschreibungen und Wertberichtigungen vorgenommen werden, und diese müssen nicht aufgelöst werden, wenn sie nicht mehr nötig sind (Art. 960a Abs. 4 OR). Dasselbe gilt für Rückstellungen: Nicht mehr begründete Rückstellungen müssen nicht aufgelöst werden (Art. 960e Abs. 4 OR). Wer nach Swiss GAAP FER abschliesst, hat diesen Spielraum nicht; dort gilt das Bild der tatsächlichen Verhältnisse, und stille Reserven sind nicht zulässig.
Arten stiller Reserven
| Art | Wie sie entsteht | Beispiel |
|---|---|---|
| Zwangsreserven | aus den Bewertungsvorschriften: höchstens Anschaffungs- oder Herstellungskosten | Grundstück, dessen Marktwert über den Anschaffungskosten liegt |
| Ermessensreserven | aus vorsichtiger Schätzung innerhalb des Spielraums | Garantierückstellung am oberen Rand der Bandbreite |
| Willkürreserven | bewusst tiefere Bewertung nach Art. 960a Abs. 4 OR | zusätzliche Abschreibung auf Maschinen |
| Wiederbeschaffungsreserven | Abschreibungen, um teurere Ersatzanlagen zu finanzieren | Fahrzeugpark mit steigenden Ersatzpreisen |
Steuerlich ist zu unterscheiden: Ein Teil der stillen Reserven wird von den Steuerbehörden akzeptiert, etwa eine pauschale Wertberichtigung auf Vorräten («Warendrittel») oder ein pauschales Delkredere auf Forderungen. Was darüber hinausgeht, wird aufgerechnet und als versteuerte stille Reserve geführt. Die Ansätze unterscheiden sich je nach Kanton und Fall; massgebend ist die Praxis der zuständigen Steuerverwaltung.
Bildung und Auflösung
Eine stille Reserve wird gebildet, wenn die Differenz zwischen Buchwert und tatsächlichem Wert grösser wird, und aufgelöst, wenn sie kleiner wird. Das geschieht oft ohne eigene Buchung: Ein kleineres Warenlager bei gleichem Pauschalabzug löst einen Teil der Warenreserve auf, und das Ergebnis fällt entsprechend höher aus. Wer stille Reserven im Abschluss sauber führt, hält deshalb je Reserve den Bestand pro Jahr fest; aus der Veränderung ergibt sich, was gebildet und was aufgelöst wurde.
Offenlegung im Anhang: Art. 959c Abs. 1 Ziff. 3 OR
Im Anhang anzugeben ist der Gesamtbetrag der aufgelösten Wiederbeschaffungsreserven und der darüber hinaus aufgelösten stillen Reserven, soweit dieser den Gesamtbetrag der neu gebildeten derartigen Reserven übersteigt, wenn dadurch das erwirtschaftete Ergebnis wesentlich günstiger dargestellt wird. Massgebend ist also die Nettoauflösung: Auflösungen minus Neubildungen des Geschäftsjahres. Eine Netto-Bildung ist nicht anzugeben. Ob die Auflösung wesentlich ist, beurteilen Sie am Verhältnis zum Jahresergebnis.
Beispiel: Warenlager und Delkredere
Eine Handelsgesellschaft bewertet ihr Warenlager mit einem Drittel unter den Einstandskosten und bildet auf den Forderungen ein pauschales Delkredere von 5 %, obwohl nach Einzelprüfung nur CHF 4'000 gefährdet sind. Beträge in Franken:
| Reserve | Herleitung | Vorjahr | Berichtsjahr | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| Warenlager | Einstand 300'000 bzw. 240'000, bilanziert zwei Drittel | 100'000 | 80'000 | −20'000 Auflösung |
| Delkredere | 5 % auf 280'000 bzw. 400'000, nötig 4'000 | 10'000 | 16'000 | +6'000 Bildung |
| Total | 110'000 | 96'000 | −14'000 |
Per Saldo wurden stille Reserven von CHF 14'000 aufgelöst. Beträgt der ausgewiesene Jahresgewinn CHF 50'000, läge er ohne diese Auflösung bei CHF 36'000; das Ergebnis erscheint damit wesentlich günstiger, und die Angabe gehört in den Anhang, zum Beispiel so: «Im Berichtsjahr wurden stille Reserven per Saldo im Umfang von rund CHF 14'000 aufgelöst; das ausgewiesene Gesamtergebnis fällt entsprechend höher aus, als es ohne diese Auflösung der Fall gewesen wäre.»
Bewegungsspiegel und Export in nunia
In nunia führen Sie die stillen Reserven je Mandat auf einer eigenen Seite. Je Reserve erfassen Sie eine Bezeichnung, den Bestand pro Geschäftsjahr und auf Wunsch ein Bilanzkonto und ein Konto der Erfolgsrechnung. nunia rechnet je Jahr das Total und die Veränderung zum Vorjahr und weist für das Berichtsjahr die Summe der Bildungen, die Summe der Auflösungen und den Nettobetrag aus.
- Anhang: Liegt per Saldo eine Auflösung vor, wählt nunia im Anhang der Jahresrechnung die Angabe nach Art. 959c Abs. 1 Ziff. 3 OR vor und setzt den Betrag in den Mustertext; bei einer Netto-Bildung bleibt die Angabe abgewählt.
- Bewegungsspiegel: Export als Excel mit dem Blatt «Bewegungsspiegel» (Bestände je Jahr, Formeln für Total und Veränderung) und als PDF.
- Latente Steuern: Ein zweites Blatt führt die Verlustvorträge mit ihrem Verfalljahr (sieben Jahre) und rechnet die latente Steuer aus dem noch verrechenbaren Betrag und dem gewählten Satz.
- Analyse: Die zugeordneten Konten bestimmen, wo eine Reserve in der Unternehmensanalyse ansetzt, etwa im betrieblichen Ergebnis oder darunter.
Was nunia nicht entscheidet: ob eine Reserve steuerlich akzeptiert ist, wie hoch sie sein darf und ob eine Auflösung wesentlich ist. Diese Beurteilung bleibt bei Ihnen. Wie die Analysen in nunia aussehen, zeigt das Lernvideo «Analyse».
Zusammenhang mit anderen Abschlussthemen
Die Angabe zu den stillen Reserven ist eine von mehreren im Anhang; den ganzen Ablauf beschreibt Jahresrechnung erstellen. Bei einem Kapitalverlust oder einer Überschuldung kann es nötig werden, stille Reserven in einer Zwischenbilanz offenzulegen; mehr dazu unter Kapitalverlust und Überschuldung. Für den Steuerwert nicht kotierter Aktien rechnet die Anteilsbewertung nach KS 28 mit dem Substanzwert, in den versteuerte stille Reserven einfliessen können. Und wer prüft, wie viel ausgeschüttet werden kann, schaut auf die Gewinnverwendung: Ausschüttbar ist nur, was in der Bilanz als frei verwendbares Eigenkapital steht.
Diese Seite fasst die Rechtslage vereinfacht zusammen und ersetzt keine Beratung im Einzelfall. Massgebend sind Gesetz, Statuten und die aktuelle Praxis.
Häufige Fragen
Was sind stille Reserven?
Die Differenz zwischen dem Bilanzwert eines Aktivums oder einer Rückstellung und dem höheren beziehungsweise tieferen tatsächlichen Wert. Das ausgewiesene Eigenkapital ist dadurch kleiner als das tatsächliche.
Muss die Auflösung stiller Reserven im Anhang angegeben werden?
Ja, wenn per Saldo mehr aufgelöst als neu gebildet wurde und das Ergebnis dadurch wesentlich günstiger dargestellt wird (Art. 959c Abs. 1 Ziff. 3 OR). Anzugeben ist der Nettobetrag.
Sind stille Reserven nach Swiss GAAP FER erlaubt?
Nein. Swiss GAAP FER verlangt ein Bild der tatsächlichen Verhältnisse; stille Reserven sind dort nicht zulässig. Das OR erlaubt sie nach Art. 960a Abs. 4 und Art. 960e Abs. 4 OR.
Wie hilft nunia bei stillen Reserven?
nunia führt die Reserven je Jahr, rechnet Bildung, Auflösung und Nettobetrag, wählt bei einer Nettoauflösung die Angabe im Anhang mit Betrag vor und exportiert den Bewegungsspiegel als Excel und PDF.
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